Der Apostelbrief
August - November 2026

Ein gelungener Konzertabend

Am Abend des 5. Juni füllte sich der schöne Gottesdienstraum der Apostelkirche in Gerbrunn mit erwartungsfrohem Publikum – von sehr alt bis ganz klein und alles dazwischen. Der Ökumenische Chor Gerbrunn präsentierte sein erstes abendfüllendes Konzert unter der Leitung von Katharina Knauer. Die junge, hervorragend ausgebildete Chorleiterin und Violinistin leitet seit knapp zwei Jahren das kleine, aber feine Ensemble; in der Singgemeinschaft gibt es auch ambitionierte Instrumentalisten – auch dieses Potential kam beim Konzert zum Tragen.

Die Panoramafenster der Apostelkirche eröffneten einen schönen, fast surreal idyllischen Ausblick auf die Dächer von Gerbrunn und die umliegenden Hügel, insbesondere wenn – und das war an diesem 5. Juni der Fall – die Abendsonne alles in schimmernde Vergoldung taucht.

Das sechsstimmige Einstimmungslied Evening rise, spirit come – ursprünglich ein Spirit-Beschwörungsgesang der Indianer, allerdings in der englischen Version seit langem in den christlichen Kirchen heimisch und beliebt – passte perfekt zur Szenerie und öffnete die Ohren und Herzen für das weitere Programm, dessen Leitmotiv das Vertrauen auf Gott und die Bejahung der Welt bildeten. Zweimal erklang an diesem Abend der Psalm 23, Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln – einmal in englischer, einmal in deutscher Sprache, verteilt auf zwei Blöcke von Psalmenliedern. Die Blöcke, sechs an der Zahl, jeweils mit eigener Moderation durch ein Chormitglied – diese durchdachte Architektur, die dem Publikum half, bewusster zuzuhören und das Gehörte besser einzuordnen –, trugen nicht wenig zum Erfolg des Konzerts bei. Die Moderationen lieferten nicht nur Informationen über die Musik, die folgte, sondern gaben dem Publikum auch etwas Gelegenheit zur Erholung und Besinnung.

Der Chor zeigte, was die menschliche Stimme allein musikalisch leisten kann – fast alle Stücke wurden acappella dargeboten, 6-stimmig, 4-stimmig oder 3-stimmig. Die Chorleiterin durfte zudem bei der Gestaltung des Programms nicht nur auf die willkommene Unterstützung durch ihre Mutter in der Altstimme zählen; auch ihr Vater Udo Knauer, der 32 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung 2025 in St. Georg in Nördlingen für die Kirchenmusik verantwortlich war, setzte sich an die Orgel der Apostelkirche – bekanntlich kein Trauminstrument für einen ambitionierten Musiker. Der Geist aber weht, wo er will – und er will es meist da, wo echte Kunst im Spiel ist. Das hat Herr Knauer überzeugend bewiesen: die arme kleine Orgel wuchs unter seinen Händen und Füßen über sich selbst hinaus, sowohl bei der Begleitung des Chores als auch bei der Darbietung einer Bach-Sonate zusammen mit seiner Tochter an der Violine. Diese Bach-Sonate bildete einen Höhepunkt des Konzerts: sehr musikalisch und in perfekter Harmonie der beiden Musiker vorgetragen.

Vertrauen auf Gott und Freude an der Schöpfung – das Thema zieht sich durch Zeiten und Kulturen und kennt unzählige Spielarten; manchmal ist es ein zerknirschtes Vertrauen und eine Freude, um die man mit sich selbst ringen muss, da sie sich nicht immer von selbst einstellt. So führte die musikalische Abendwanderung von der christlichen geistlichen Barockmusik – Bach und Telemann – über die Romantik Schumanns und Mendelssohns und die Sowjet-Romantik Georgij Sviridovs zu Gospels und beliebten Kirchenliedern der Moderne, z.B. Markus Pytliks Vertonung des irischen Segenslieds Möge die Straße, die der Chor unter Einbeziehung der Gemeinde vierstimmig vortrug. Besonders in den sehr schnellen und lebensbejahenden Tanz- und Trinkliedern der Renaissance – es wurde sogar munter auf Französisch gesungen – zeigten Chorleiterin und Chor ihr großes Können.

Der erste instrumentale Block bestand aus Schumanns Romanze op. 94, 2 A-Dur (1849) sowie Sviridovs Romanze aus der Suite „Schneesturm“ (1974) und wurde von Mitgliedern des Chors dargeboten. Alexander Müller (Klarinette) und Jürgen Appell (Klavier) beeindruckten mit ihrer Schumann-Interpretation: wie schön, wenn Eusebius (der „Milde“) im ersten Teil der Romanze den wunderbar fließenden Gesang gemäß der Spielanleitung „einfach und innig“ inspirierte, und welche Freude, wenn Florestan (der „Wilde“) mit den beiden Musikern im leidenschaftlichen scharf punktierten Mittelteil durchging.

Noch beeindruckender war Georgij Sviridovs Werk, für großes Orchester geschrieben, nun für Klavier (Jürgen Appell), Klarinette (Alexander Müller) und zwei Geigen (Katharina Knauer und Eva Leppich) arrangiert. Es handelt sich um typische Programmmusik: Sviridovs Suite illustriert musikalisch die in Russland allgemein bekannte und beliebte gleichnamige Erzählung (1831) des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin. Da konnte das Publikum von Jürgen Appells unmittelbaren Erfahrungen mit der russischen Sprache und Kultur aus früheren, mehr oder weniger ungetrübten Zeiten profitieren. Die sentimentale Melodie der Romanze erklang insgesamt sieben Mal: zuerst wurde sie von den Geigen vorgestellt, wurde dann klanglich angereichert der Klarinette anvertraut, schwang sich im gemeinsamen Zusammenspiel bis zu einem von Klavier-Clustern im dreifachen Fortissimo begleiteten Unisono der anderen Instrumente auf und hallte zuletzt noch einmal als leise wehmütige Erinnerung nach.

So abwechslungs- und aufschlussreich verlief das Konzert, dass sich das Publikum nach fast anderthalb Stunden nicht mit einem weiteren Abendlied (diesmal modern und aus Island) zufriedengab, sondern nach einer Zugabe verlangte – und sie bekam. Das ist meine Freude – mit diesem wahren Wort endete passend die rundum gelungene Veranstaltung, die ohne die mehrmonatige intensive Probenarbeit der Chorleiterin niemals auf diesem hohen Niveau zustande gekommen wäre.

Maria Sokolskaya