Der Apostelbrief

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Nr. 146

Ласкаво просимо – Herzlich willkommen!

Der Juni war ein Willkommensmonat für unsere Gemeinde. Herausragendes Ereignis war natürlich die Amtseinführung der neuen Pfarrerin Julia Conrad im Rahmen des Pfingstgottesdienstes. Aber es gab auch weniger spektakuläre Ereignisse: seit Anfang Juni wohnt in der Kirchengemeinde eine junge, aus der Ukraine geflüchtete Studentin. Herzlichen Dank allen Beteiligten für diesen Akt tätiger christlicher Nächstenliebe!

Das folgende Interview hat der Verfasser in Gerbrunn auf Russisch durchgeführt und danach ins Deutsche übersetzt. Der Schwerpunkt lag mit Bedacht nicht auf politischen Statements; es ging vielmehr darum, unseren Gast interessierten Mitgliedern der Apostelgemeinde vorzustellen und ein bisschen näherzubringen.

Liebe Nina, herzlich willkommen! Seit wann bist du bei uns, wo ist dein Wohnsitz in der Ukraine, und wo warst du bis zu deiner Ankunft in Gerbrunn? Erzähle doch mal ein bisschen von dir!

Nina: In der Ukraine wohne ich im Westen, in Lviv. Ich bin erst seit 10 Tagen in Gerbrunn. Vorher war ich in der Türkei, in Spanien (bei meiner Schwester) und in Polen (privat bei Freunden). In Spanien werden Flüchtlinge überhaupt nicht unterstützt, aber in Polen ist die Gastfreundschaft sehr groß. Wir werden dort nicht als „Flüchtlinge“ gesehen (und bezeichnet), sondern als „Nachbarn“. Und hier in Gerbrunn ist die Unterstützung ganz wunderbar: man hat mir ein schönes großes Zimmer mit Bad- und Küchenbenutzung überlassen, und man versorgt mich auch mit Essen. Zum täglichen Training kann ich mit einem Rad fahren. Für all dies bin ich unendlich dankbar!

Man muss wohl nicht fragen, ob du Heimweh hast. Wohnen bei dir in der Ukraine noch Eltern, Brüder und Schwestern?

Nina: Ja, ich habe sehr großes Heimweh. Mein Vater, ein einfacher Arbeiter, und meine Mutter, eine Krankenschwester, fehlen mir sehr. Meine Mutter versorgt jetzt besonders die vielen Kriegsverletzten, und das ist sehr gefährlich: jeden Tag, jede Nacht schlagen Raketen und Bomben ein, ein furchtbarer Albtraum.

Du bist ja eine aktive Sportlerin auf internationalem Niveau. Wie geht es dir dabei hier in Würzburg? Findest du genug Unterstützung?

Nina: Ja, ich bin Schwimmerin (im offenen Wasser), und meine Hauptdisziplin sind die 10 Kilometer. In der Ukraine war ich „Master Sporta“ und gehörte zum Nationalkader. Schon am ersten Tag wurde ich hier sehr freundlich aufgenommen. Mein Tagesablauf ist allerdings sehr anstrengend. Morgens fahre ich mit dem Fahrrad nach Würzburg, wo die erste Trainingseinheit um 6 Uhr beginnt, und nachmittags noch einmal zueiner weiteren Trainingseinheit. Abends komme ich so müde zurück nach Gerbrunn, dass ich kaum noch etwas unternehmen kann und will. Aber dass ich in diese hochkarätige Gruppe von Wettkampf-Schwimmern auf Weltniveau gekommen bin, betrachte ich als Glücksfall.



Ich habe viele Freunde in Russland, in Weißrussland und in der Ukraine. Wann immer ich dort war, habe ich die große Gastfreundschaft und Warmherzigkeit der Menschen genossen. Ein Klischee besagt, dass wir Deutschen da etwas zurückhaltender und kühler sind. Was sind deine Erfahrungen?

Nina: Ein bisschen ist das auch meine Erfahrung, aber nach nur wenigen Tagen in Deutschland kann ich mir natürlich kein fundiertes Urteil erlauben. Ein ähnliches Phänomen haben wir übrigens auch in der Ukraine: im (russisch orientierten) Osten, wie zum Beispiel in Kharkiv, sind die Menschen sehr einfach, warmherzig und offen, im (polnisch orientierten) Westen, wie zum Beispiel in Lviv, eher „intellektuell-europäisch“. Das liegt natürlich auch an der historischen Tradition. Lviv gehörte in der Geschichte zu Polen, dann zu Österreich, dann wieder zu Polen, dann zur Sowjetunion, und jetzt zur Ukraine.

Hättest du, neben Deinem Sport, noch andere berufliche Perspektiven in Deutschland?

Nina: Ich habe in der Ukraine ein Kunststudium abgeschlossen. Dazu gehört darstellende Kunst, Musik, Komposition und manches mehr. Aber ich habe auch eine Ausbildung als Physiotherapeutin begonnen, vielleicht wird mir das irgendwann von Nutzen sein.

Das klingt alles sehr interessant, Nina. Wenn ich dir dabei irgendwie helfen kann, mache ich das sehr gern. Zum Schluss ist deine Fantasie gefragt. Stell dir vor, im Traum erscheint dir eine gute Fee und sagt, sie wolle dir drei Wünsche erfüllen. Was wünschst du dir?

Nina: Mein erster und größter Wunsch ist, dass der schreckliche Krieg in meiner Heimat, der so viel Leid, Tod und Verzweiflung bringt, bald aufhören möge und wir wieder unter einem friedlichen Himmel leben können. Dass ich bald wieder meine Mama und meinen Papa wiedersehe, deren Stimmen ich jetzt nur am Telefon hören kann. Als zweites wünsche ich mir, dass ich die Möglichkeit bekomme, hier in Deutschland weiterhin mein Talent als Schwimmerin zu entfalten, und dies gesehen und unterstützt wird. Mein dritter Wunsch ist, dass wir alle wieder glücklich werden, wie vor dem Krieg, und unbeschwert unsere Freunde zuhause und in anderen Ländern treffen können.

Liebe Nina, danke für das Interview! Für deinen Aufenthalt bei uns und auch die Zeit danach wünsche ich dir interessante Begegnungen, gute Gesundheit, liebe Freunde, sportliche Erfolge, ein fröhliches Herz, und vor allem Gottes Segen, Schutz und Geleit.

Jürgen Appell