Der Apostelbrief

Mai - Juli 2022
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Nr. 145

So fern, so nah: die Ukraine

Lange haben wir in der Redaktion überlegt, ob wir zum Thema Ukraine-Krieg Stellung nehmen sollten, denn das Thema ist ja nicht nur schwierig, sondern auch allgegenwärtig: an täglichen Beiträgen in allen Medien mangelt es wahrlich nicht.

UkraineUkraine

Der Verfasser dieser Zeilen war gerade in Ostpolen, nur etwa 50 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Dort wurde die abstrakte Kriegsgefahr plötzlich ganz konkret: überall Militärstellungen mit Luftabwehrraketen, und jede Nacht über der Stadt kreisende Flugzeuge der NATO. Etwas, das seit vielen Jahrzehnten völlig undenkbar schien, ist nicht nur denkbar, sondern real geworden: Krieg im Herzen Europas. Seit 2014 schwelt in der Ukraine die Gewalt, mehr als 3 Millionen Menschen mussten schon aus ihrer Heimat flüchten, und die Zahl der Toten wächst auf beiden Seiten täglich.

Über zwei Punkte herrscht wohl Einigkeit: Wladimir Putins Angriffskrieg, bei dem die Russen offenbar wie schon einmal in Grozny und Aleppo zahlreiche zivile Ziele bombardieren, ist ein ganz schreckliches und verabscheuungswürdiges Verbrechen. Und die ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland und anderswo verdienen unsere uneingeschränkte und dauerhafte Unterstützung. Polen versorgt zur Zeit ja schon 2 Millionen Flüchtlinge: alle Hüte ab!

Andererseits: wenn es um die Haltung der ukrainischen und internationalen Politik geht – dies ist die persönliche Meinung des Verfassers – wird es schon heikler. Ich kann jeglichem patriotisch-männlichen Hurra-Geschrei nichts abgewinnen. Wenn Vitalij Klitschko sagt: „Wir sind ein stolzes Volk, daher werden wir nie einen Friedensvertrag unterschreiben“, dann erinnert mich das in fataler Weise an 1914. Und wenn Wolodymyr Zelenskyj jegliche Verhandlungen kategorisch ablehnt und in einer Kriegsrhetorik, die wir seit Jahrzehnten nicht mehr für gesellschaftsfähig hielten, ruft: „Wir werden bis zum letzten Mann kämpfen“, dann ist der ganze Westen ergriffen ob solchen Heldentums, und niemand sagt: „Moment mal?“

Möglicherweise hätte man den Krieg sogar dadurch verhindern können, dass die Ukraine definitiv auf die Perspektive einer NATO-Mitgliedschaft verzichtet hätte, statt diese sogar als Staatsziel in ihre Verfassung zu schreiben. Aber diese Möglichkeit wurde von der Ukraine, den USA, der EU und der NATO selbst leider zu keinem Zeitpunkt in Betracht gezogen.

Allerdings scheint auch in den Köpfen mancher Politiker in unserem Land gefährliche Verwirrung zu herrschen. Der ukrainische Botschafter Mel’nyk, einer der schärfsten Kriegstreiber, erwartet offenbar von allen deutschen Politikern Gehorsam und Unterwerfung. Und wenn daraufhin Herr Merz fordert, die NATO solle aktiv in den Krieg eingreifen, packt mich blankes Entsetzen: glaubt dieser Mann allen Ernstes, man könne ein Feuer mit Benzin löschen? Eines unserer wichtigsten Anliegen sollte es sein, dies zu verhindern!

Doch theoretische Analysen, Hypothesen und Prognosen sind angesichts des unermesslichen Leids der Menschen wahrscheinlich fehl am Platze. Wenn sich krude Feindbilder ins Herz schleichen, wenn immer neue schreckliche Drohkulissen aufgebaut werden, bis hin zu einem Atomschlag, wenn Rüstungsfirmen wegen unerwarteter Riesengewinne in Feierlaune kommen, wenn Menschen vor den Trümmern ihres Lebenswerks stehen, wenn Frauen sich weinend von ihren Ehemännern und Söhnen verabschieden müssen, die sie vielleicht nie wiedersehen werden, wenn hochbetagte Menschen zum zweiten Mal nach dem Weltkrieg Nächte voller Angst in Kellern und Bunkern verbringen müssen, dann versagen und verstummen alle rationalen Argumente. Das Einzige, was uns dann noch über die Lippen kommen kann, ist:

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.

Jürgen Appell