Der Apostelbrief

Dezember 2019 - Januar 2020
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Nr. 137

Naturwissenschaft und Glaube

Ein Gastbeitrag von Prof. Peter Väterlein

unter Bezugnahme auf den gleichnamigen Artikel von Stefanie Held in der Apostelbriefausgabe 135


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Die Frage nach der Beziehung zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben bewegt mich als Christ und gelernten Physiker schon seit vielen Jahren. In dem ausführlichen Artikel von Stefanie Held wird die historische Entwicklung dieser Beziehung und das so genannte „Koexistenzmodell“ sehr schön beschrieben, nach dem Naturwissenschaft und Religion jeweils ihren Zuständigkeitsbereich haben, auf den sie sich dann auch bitteschön beschränken sollen. Beim Lesen des Artikels hatte ich allerdings, wie bei vielen ähnlichen Texten den Eindruck, dass man diese Koexistenz als eine Art Waffenstillstand zwischen Religion und Wissenschaft verstehen könnte, so wie die Albrecht-Brüder Deutschland in Aldi-Nord und Aldi-Süd aufgeteilt haben.

Stefanie Held stellt in ihrem Artikel fest, dass sich Naturwissenschaft und Religion nicht nur nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen, um ein vollständigeres Bild der Welt, in der wir leben, zu erhalten. Bei vielen „aufgeklärten“ Zeitgenossen spielt der Glaube in diesem Gespann allerdings die Rolle des Juniorpartners: solange die Naturwissenschaften dem, was ich glaube, nicht widersprechen oder besser: zu widersprechen scheinen, darf ich glauben. Bei genauerem Hinsehen ist dieser vorauseilende Gehorsam gegenüber den Naturwissenschaften aber gar nicht notwendig.

Die Grundlage der Naturwissenschaften ist die Beobachtung der Welt. Wenn diese Beobachtung in einem kontrollierten Umfeld, z.B. einem Labor stattfindet, spricht man von einem Experiment. Experimente müssen prinzipiell jederzeit, an jedem Ort und von jedermann wiederholt werden können. Im nächsten Schritt versucht man, die Beobachtungen und Experimente mathematisch zu beschreiben. Mithilfe der so formulierten Theorien oder „Naturgesetze“ kann man den Ausgang weiterer Experimente vorhersagen.

Werden diese Vorhersagen in weiteren Experimenten bestätigt, stärkt das das Vertrauen in die Theorie. Weicht das Experiment von der Vorhersage der Theorie ab, muss diese erweitert werden, damit sie sowohl die früheren als auch das aktuelle Experiment beschreiben kann. Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler „glauben“ also nicht an Theorien wie Urknall oder Evolution, sondern sie benützen diese, so lange sie die experimentellen Befunde hinreichend genau beschreiben und es keine besser passende Theorie gibt.

Die Naturwissenschaften beschreiben Phänomene, die immer wieder gleich ablaufen: einen Apfel, der vom Baum fällt, Licht, das in vielen kleinen Wassertropfen gebrochen wird und so einen Regenbogen erzeugt, oder den Zitronensäurezyklus in den Zellen unseres Körpers. Jeder willkürliche Eingriff von Menschen oder gar Göttern würde dieses Erklärungsmodell zunichte machen. Man könnte auch sagen: „In den Naturwissenschaften muss es mit rechten Dingen zugehen.“

Die naturwissenschaftliche Methode ist in den letzten 300 Jahren außerordentlich erfolgreich gewesen. Es gibt Vorgänge in der Natur, die wir heute bis auf zehn Stellen hinter dem Komma genau beschreiben können. Der technische Fortschritt der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte wäre ohne diese Methode nicht denkbar gewesen. Dabei übersieht man gerne, dass diese Methode auch ihre Grenzen hat. Naturwissenschaftliche Forschung beschreibt mit großem Erfolg und hoher Genauigkeit, wie die Welt, in der wir leben, funktioniert.

Aus welchen Beweggründen oder mit welcher Absicht, also warum oder wozu etwas geschieht, kann dagegen mit naturwissenschaftlichen Methoden grundsätzlich nicht geklärt werden. Insbesondere sind bewusste Entscheidungen von Menschen nicht naturwissenschaftlich beschreibbar.

Das Christentum beschreitet völlig andere Wege zum Erkenntnisgewinn. Grundlage des christlichen Glaubens ist die Offenbarung Gottes, vor allem durch die Heilige Schrift und durch die Person Jesus Christus. Da Gott Schöpfer des Universums und nicht Teil davon ist, ist er mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht zu erfassen. Gott muss sich den Menschen selbst bekannt machen, um eine Beziehung mit den Menschen eingehen zu können, die das zulassen. Diese Beziehung zwischen einem Menschen und Gott, die wir als „Glauben“ bezeichnen, lässt sich naturwissenschaftlich ebenso wenig beschreiben wie die Beziehung zwischen zwei Menschen. Um etwa herauszufinden, ob mein Partner oder meine Partnerin mich wirklich liebt, muss ich mich auf diese Person einlassen und im Zusammenleben Indizien sammeln. Das werden aber niemals Messwerte sein, die ich dann mit einer mathematischen Theorie vergleichen kann.

Die Bibel beschreibt in erster Linie das Verhältnis von Gott zu den Menschen und die Art und Weise, wie Menschen nach Gottes Vorstellung miteinander umgehen sollen. Dabei werden vor allem die Fragen nach dem Warum und Wozu behandelt. Die Beschreibung der Funktion der Welt, in der wir leben, spielt kaum eine Rolle. Selbst die Schöpfungsgeschichte beantwortet eher die Frage warum die Welt entstanden ist („Gott sprach ... es ward ...“) als die Frage danach, wie das im Detail abgelaufen ist.

Wenn ich mich mit einem Freund verabrede, reicht es nicht, Datum und Uhrzeit auszumachen. Wir müssen uns auch auf einen Ort einigen. Der Ort allein reicht aber auch nicht, wenn nicht klar ist, wann wir uns treffen. Wenn wir die Welt verstehen wollen, in der wir leben, reicht die Naturwissenschaft alleine nicht aus, weil sie uns nur erklärt, wie die Dinge funktionieren, aber nichts über Motivationen und Ziele aussagen kann. Würden wir uns nur auf unseren Glauben verlassen, müssten wir auf alle technischen Errungenschaften verzichten, angefangen bei Häusern, Kleidung, Ackerbau und Viehzucht bis hin zu Mobilität, Kommunikation und vielem mehr. Erst mit diesen beiden Dimensionen Naturwissenschaft und Religion wird unser Weltbild vollständig und stimmig.

Eine Stelle, an der die Koexistenz von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und christlichem Glauben ins Schwanken geraten kann, sind so genannte Wunder. Wenn bei der Hochzeit zu Kana das Waschwasser zu Wein wird, oder wenn Lazarus, obwohl sein Körper schon Anzeichen von Verwesung zeigt, von den Toten auferweckt wird, dann widerspricht das unserer naturwissenschaftlichen Alltagserfahrung. So etwas passiert normalerweise nicht. Aber die „Wunder“ der Bibel sind einmalige bewusste Eingriffe Gottes in die Welt, die schon deshalb naturwissenschaftich nicht beschreibbar sind. Wir wissen nicht, was damals wirklich passiert ist, und natürlich ist es legitim, wenn die Bibelwissenschaft versucht, hier möglichst viel Licht ins Dunkel zu bringen. Aber es besteht kein Grund, die biblischen Berichte in vorauseilendem Gehorsam so lange „weichzuspülen“, bis sie mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen kompatibel sind.

Wo Naturwissenschaft und (christlicher) Glaube im Widerspruch zu stehen scheinen, liegt das in der Regel daran, dass die Vertreterinnen und Vertreter einer der beiden Seiten die methodischen Grenzen ihrer Disziplin überschreiten. Philosophen nennen so etwas einen Kategorienfehler. Wenn atheistische Naturwissenschaftler behaupten, dass es keinen Gott geben könne, weil der in den Gesetzen von Physik und Biologie keinen Platz habe, dann übersehen sie, dass eine der Grundvoraussetzungen der Naturwissenschaft ist, nur solche Phänomene zu untersuchen, die ohne Eingriff von außen auskommen. Wenn Gott in den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung dann nicht vorkommt, ist das nur logisch, sagt aber nichts über seine Existenz oder Nichtexistenz aus.

Genauso falsch ist es, wenn Christinnen und Christen dort, wo es in der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Welt (noch) Lücken gibt, einen Platz für Gott reklamieren. Egal ob man in den Naturwissenschaften oder im Glauben unterwegs ist: es kommt auf die richtigen „Denkzeuge“ an, mit denen man Fragen formuliert und versucht, sie zu beantworten.

„Die Naturwissenschaften braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Religion und Naturwissenschaft schließt sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen.“ (Max Planck, deutscher Physiker, Begründer der Quantentheorie, 1858 – 1947)

Peter Väterlein