Der Apostelbrief

August - September 2019
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Nr. 135

Naturwissenschaft und Glaube

Angesichts rasanter Fortschritte in allen naturwissenschaftlichen Disziplinen mit z.B. weitgehend entschlüsseltem Genom vieler Lebewesen, wodurch sich neue mit optimierten Eigenschaften kreieren lassen oder entwickelter sogenannter künstlicher Intelligenz, je nach Sichtweise Fluch oder Segen: Welchen Stellenwert hat da noch christlicher Glaube? Kann man an Gott und biblische Inhalte glauben und gleichzeitig wissenschaftliche Erkenntnisse z.B. über Entstehung des Universums und Entwicklung von Leben im Sinne der Evolutionstheorien anerkennen? Oder provokant formuliert: wird Gott hierdurch ersetzt und überflüssig?

Gerade im letzten Jahrhundert hat hier praktisch eine „Beweisumkehr“ stattgefunden.

Zu Zeiten Galileo Galileis (16./17. Jahrhundert), aber auch noch Charles Darwins (19. Jahrhundert) hatte die Kirche durch ihre Omnipräsenz und Macht weitgehend die Deutungshoheit der Welt auf Grundlage wörtlicher Auslegung der heiligen Schrift. Wissenschaftler mussten gegenüber der Kirche ihre „ketzerischen, Gott infrage stellenden“ Erkenntnisse rechtfertigen. Ihnen drohte Verfolgung mitunter sogar der Tod. Heute ist es umgekehrt. Man kommt in Erklärungsnot gleichzeitig naturwissenschaftliche Ergebnisse anzuerkennen und gläubiger Christ zu sein. Viele (prominente) Wissenschaftler in der Vergangenheit aber auch bis heute sahen sich mit dieser Frage konfrontiert.

Der als Begründer moderner Naturwissenschaften geltende bereits erwähnte Galileo Galilei, mit seinen bis heute bahnbrechenden Erkenntnissen im Bereich der Astronomie, Mathematik und Physik, war gleichzeitig wohl tief gläubiger Mensch. Trotzdem musste er für seine astronomischen Forschungsergebnisse, dass sich die Planeten, also auch die Erde um die Sonne drehen und nicht, wie bis dahin gängige Lehrmeinung die Erde der Fixpunkt ist, Repressalien der Inquisition in Kauf nehmen.

Charles Darwin, als studierter anglikanischer Theologe erregte im 19. Jahrhundert bekanntermaßen Aufsehen und den Ärger des Klerus durch seine fundierten Theorien über die „Abstammung der Arten“ und „Entstehung des Menschen“, wodurch die herausragende Stellung des Menschen in Gottes Schöpfung infrage gestellt wurde.

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Per definitionem ist „Wissen“ das Kennen von in Experimenten überprüfbarer Fakten, wohingegen „Glauben“ meist mit „meinen“ und „vermuten“ und damit streng genommen als (noch) „Nicht-Wissen“ verstanden wird. Im religiösen-christlichen Kontext ist „Glauben“ das Vertrauen / sich Verlassen auf Gott. Vieles was unser menschliches Erleben und Bewusstsein ausmacht ist allerdings durch „Wissen“ nicht oder nur unzulänglich erklärbar. Sei es die Frage nach dem Sinn des Lebens, Gefühle, Sinneseindrücke, was kommt nach dem Tod und letztlich vielleicht auch die Frage nach Gott.

Der Kreationismus als fundamentalistisch-evangelikale, v.a. in den USA existierende Strömung mit vielen Anhängern, vertritt weiterhin die wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift, insbesondere des Alten Testaments, d.h. auch der Schöpfungsgeschichte und leugnet damit naturwissenschafltiche Erkenntnisse, v.a. die Evolutionstheorie.

Ein gängiger Versuch die Bedeutung von Naturwissenschaft und Religion nebeneinander zu legitimieren ist das sogenannte „Koexistenzmodell“ oder auch das Modell der „2 Sprachen“. Damit werden „Naturwissenschaft und Religion“ als zwei unabhängige, verschiedene Sichtweisen beschrieben, die sich ergänzen, aber nicht direkt in Übereinstimmung gebracht werden können“. Womit Naturwissenschaft für die Erklärung der realen materiellen Welt und Religion für die transzendentale Wirklichkeit zuständig ist.“ (Wikipdia) Oder wie Stephen Jay Gould (Evolutionsbiologie, Harvard) 1997 formuliert: Naturwissenschaften sollten sich um das materielle Universum kümmern, um Fakten und Funktionen, die Religion hingegen um das der moralischen Bedeutungen und Werte entsprechend zwei sich nicht überlappenden Magisterien .

Etwas anders formuliert wird es auf der Seite der sehr lesenswerten Seite „15 Kernfragen des Glaubens – Diskussionsprojekt der evangelischen Akademikerschaft“: „ Naturwissenschaft und Glauben befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Wirklichkeit, die für sich genommen keinen berechtigten Anspruch auf die Erfassung der Gesamtwirklichkeit dieser Welt erheben können. Erst das Zusammenwirken beider Bereiche in Kenntnis ihrer jeweiligen Begrenztheit bringt uns weiter im Verstehen und Gestalten unserer Lebenswirklichkeit. (....) Wir leben nicht nur in derjenigen Welt, die wir durch naturwissenschaftliche Methoden untersuchen und beschreiben. Da gibt es die erfahrbare Welt der Musik, der Poesie, der Schönheit, der Grausamkeit, usw., in der naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden versagen. Die eigentliche Frage ist: Welche Wirklichkeit haben wir bei der naturwissenschaftlichen Erforschung dieser Welt erfasst? Viele Menschen glauben wie Albert Einstein auf Grund ihrer Erfahrungen in dieser Welt, der Begegnung mit dem Nächsten, des Erlebens des Entstehens von neuem Leben, der Vielfalt der entstehenden Gedanken und durchlebten Emotionen, dass Gott die Welt erhält. (...) Leider kann diese subjektive Gewissheit nicht so objektiviert werden, dass sie im Prinzip für jedermann/jedefrau, (...) nachempfunden werden könnte. Der Glaube bleibt ein Geschenk, das man sich weder erarbeiten, erkämpfen oder beschaffen, das man aber immer wieder erneut erbitten kann. (...) Doch aufgeklärte Gottgläubige brauchen Erzählungen von ‚Naturwundern’ nicht wörtlich zu nehmen oder gekünstelte naturwissenschaftliche Erklärungen dafür zu suchen. Schon die Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft bieten andere Verständnismöglichkeiten im übertragenen Sinn. Wunder sind in den Evangelien als Modellgeschichten für das Verhältnis von Jesus zu den Menschen und zur Welt erzählt.

Eine strikte Trennung von Naturwissenschaft und Religion ohne Berührungspunkte erscheint mit persönlich als zu streng, der zuletzt skizzierte Ansatz jedoch versöhnlich und nachvollziehbar.

Und auch wenn naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse erklärbar und nachvollziehbar sind und oft faszinieren, gibt der Glaube an Gott meinem Leben einen tieferen Sinn und es ist gut auf ihn vertrauen zu können.

Letztlich lässt sich zu diesem Thema viel diskutieren - vielleicht bei Interesse eine lohnende Fragestellung für einen Gemeindeabend.

Quellen:
https://kernfragen-des-glaubens.de/ (Diskussionsprojekt der evangelischen Akademikerschaft)
https://de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft_und_Religion

-SH-