Der Apostelbrief

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Eine spannende neue Aufgabe
Pfarrer Riedel zum Senior des Pfarrkapitels gewählt

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Was treibt ein Pfarrer eigentlich so den ganzen Tag? Haben Sie sich das auch schon mal gefragt? Oder fragen hören? Und dann keine erschöpfende Antwort gewusst?

Nun, manches kann man als Außenstehender ja ahnen: Am Sonntag ist der Gottesdienst zu halten. Und klar, der muss irgendwann vorbereitet werden. Beansprucht „Pi mal Daumen“ einen Arbeitstag. Dann weiß man natürlich auch, dass Pfarrer/innen Beerdigungen halten, Trauungen, Taufen, Jubiläen, Sondergottesdienste usw. Muss ebenfalls vorbereitet werden, einschließlich den Vorgesprächen mit den Betroffenen. Jugendliche wissen, dass Konfirmandenunterricht und Schulunterricht zu den Aufgaben eines Pfarrers/einer Pfarrerin gehören. Aber dann hört das Wissen langsam auf. Kaum einer ahnt, wie viele Stunden ein Pfarrer am PC sitzt und E-Mails beantwortet, in wie vielen Besprechungen er sitzt, um die Arbeit vor Ort, die ökumenische Zusammenarbeit zu planen oder die Angelegenheiten einer großen Kindertagesstätte mit umfangreichen Haushalt und zahlreichen Angestellten zu regeln. Und jetzt haben wir noch nicht von Seelsorgegesprächen, Kranken- oder Geburtstagsbesuchen gesprochen, nicht von Kirchenvorstandssitzungen, Planungen zu größeren „Events“ wie z.B. „Gerbrunn ist bunt“ im letzten Jahr. Nicht von ungeplanten Aufgaben, die einem vor die Füße gelegt werden, wie das Kirchenasyl in den letzten Jahren. Auch nicht von der ganz alltäglichen Verwaltungsarbeit, die von Jahr zu Jahr umfangreicher zu werden scheint, mit ständig neuen Vorschriften und Erledigungen.

Selbst wenn man das geahnt hat, weiß man doch in den seltensten Fällen, dass auch übergemeindliche Aufgaben dazugehören. Dazu zählen die Teilnahme an Pfarrkonferenzen und die Übernahme von Aufgaben und Beauftragungen im Dekanat. Wobei unser Evang.-Luth. Dekanat Würzburg zu den großen Dekanatsbezirken der bayerischen Landeskirche gehört. Es umfasst das Gebiet der Stadt Würzburg und weitgehend auch des Landkreises Würzburg sowie der Altlandkreise Karlstadt und Ochsenfurt. Die südlichsten Gemeinden sind Geroldshausen und Ochsenfurt, im Norden reicht es bis Karlstadt und Thüngen/Arnstein. Der Dekanatsbezirk umfasst 41 Kirchengemeinden in 30 Pfarreien, denen ca. 60.000 Evangelische angehören.Es gibt 41 Gemeindepfarrstellen sowie 5 Pfarrstellen im übergemeindlichen Bereich.

Dazu kommt eine große Zahl weiterer Stellen in Schule, Gemeinde und kirchlichen Diensten. Wichtige übergemeindliche Einrichtungen sind das Schulreferat, das Jugendwerk, die Studierendenseelsorge, die Erwachsenenbildung sowie die Seelsorge in Kliniken und Heimen. Das Pfarrkapitel, also die Gesamtpfarrerschaft umfasst über 60 Personen. Wichtige Ämter sind das des Dekans/der Dekanin mit Vorgesetztenfunktion und - irgendwo ein bisschen als Gegengewicht - das des Seniors/der Seniorin (wobei der Name irreführend ist, nachdem dieses Amt auch ganz junge PfarrerInnen übernehmen können). Zu letzterem wurde ich in der letzten Pfarrkonferenz gewählt. Ich habe mich über die Wahl gefreut, da sie ein großes Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen zum Ausdruck bringt. Aber wie so oft bei solchen Ämtern: Neben der Ehre bringen sie ein gerüttelt Maß an neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten mit sich. Damit Sie eine Ahnung davon bekommen hier ein kurzer Einblick in das Wesen des Amtes und in das Tätigkeitsfeld.

Der Senior/die Seniorin ist zuerst und vor allem die Vertrauensperson der Pfarrerschaft. Insofern ist er/sie Ansprechpartner bei Problemen und Konflikten. Bei letzteren versucht er zu vermitteln. Er/sie ist auch Seelsorger und Anwalt der KollegInnen. In seiner/ihrer anwaltlichen Funktion nimmt er/sie an Beurteilungsbesuchen und -gesprächen teil und ist Mitglied der Dekanatssynode und des Dekanatsausschusses, der die exekutiven Aufgaben der Synode umsetzt. Um die Anliegen der KollegInnen mit einbringen zu können, bereitet er/sie Pfarrkonferenzen und -konvente mit vor. Als Vertreter der Pfarrerschaft nimmt er/sie nach Möglichkeit bei Einführungen, Verabschiedungen, Ordinationen und Versetzungsverfahren, z.B. wegen „ungedeihlichen Zusammenwirkens“ teil. Zudem ist er/sie Ansprechpartner/in für Opfer sexueller Belästigungen auf örtlicher Ebene. Dazu kommen noch Gesamtkonferenzen und jährliche Fortbildungen. Sie merken schon: Eine Menge Holz. Aber dafür werde ich auch an anderer Stelle „entlastet“: Mit einer wöchentlichen Religionsstunde weniger - was keinen Sinn macht, nachdem Religion im Gymnasium immer zweistündig läuft. Zum Glück habe ich eine gute stellvertretende Seniorin zur Seite, mit der ich mir die Arbeit bis zu einem gewissen Grad teilen kann: Pfarrerin Renger aus Rottendorf.

Sie merken: Insgesamt eine spannende Herausforderung - hoffentlich nicht allzu spürbar auf Kosten der Gemeinde. Wenn doch, dann hoffe ich auf Ihr Verständnis.

Ihr Pfarrer Johannes Riedel