Der Apostelbrief

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Karl Barth
Ein bedeutender und unbequemer Theologe des 20. Jahrhunderts

Karl Barth (geb. 1886 in Basel) gilt aufgrund seiner theologischen Erkenntnisse und Arbeiten als einer der wichtigsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte die sogenannte Dialektischen Theologie, d.h. die Theologie des Wortes Gottes und wandte sich gegen die davor vorherrschende liberale Theologie. Aus seinen theoretischen Ansätzen folgte für ihn ein Handeln, das als zeitlebens „das Establishment nervend“ bezeichnet wurde (2).

Er brachte unzählige Schriften und Artikel heraus, insbesondere sein mehrbändiges und nicht fertiggestelltes Hauptwerk der „Kirchlichen Dogmatik“.

2018 anlässlich seines 50. Todestages am 20.12.2018 erhielt er viel Aufmerksamkeit. Es lohnt ein genauerer Blick auf sein Leben und Handeln.

Als Sohn eines reformierten evangelischen Schweizer Theologieprofessors entschied sich auch Karl Barth frühzeitig für ein Theologiestudium. In seiner ersten Pfarrstelle (1909-1921) in Safenwil/Schweiz wurde er mit den schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter in den örtlichen Textilfabriken konfrontiert. Er sympathisierte mit den Ideen der Sozialdemokratie (1915 trat er in die sozialdemokratische Partei der Schweiz, später auch in die SPD ein) und half unter anderem beim Aufbau von örtlichen Gewerkschaften mit. Er begründete sein Engagement theologisch mit der Geisteskraft Jesu von Nazareth, „in der Jesus sich als Arbeiter an die Armen und Unterdrückten gewandt habe“.

Unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges wandte er sich entschieden gegen die theologische Rechtfertigung und Legitimierung des Krieges durch führende Theologen und der dieser Argumentation zugrunde liegenden liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts, „nach der" - wie W.Gräb es formuliert - „jeder die Freiheit hat, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus zieht“ (3). Seine Kritik richtet sich damit auch gegen die von Luther propagierte 2-Regimenten-Lehre (Abgrenzung des geistlichen vom weltlichen Regiment). Er betont die Distanz zwischen Gott und den Menschen Gott sei etwas ganz anderes ... „als alles Andere was mir sonst wahr und richtig vorkommt und könne nicht verzweckt werden". Gott sei ausschließlich im Leben und Wort Jesu zu erkennen.

1921 wurde er als Honorarprofessor - ohne selbst über akademische Grade zu verfügen - an die Uni Göttingen berufen. Dort sorgte er unmittelbar für Aufsehen mit seinen Römerbriefkommentaren, in denen er „gegen die Versuchung des liberalen Kulturprotestantismus, bloß noch eine biedere Bürgerreligion zu verkünden, angepasst und gefällig, den Ärgernischarakter des Evangeliums einklagt“ (2).

Karl BarthKarl Barth

Bereits vor, aber insbesondere auch nach der Machtergreifung Hitlers trat er konsequent gegen die nationalsozialistischen Ideologie an, die auch in der evangelischen Kirche mit der Bildung der „Deutschen Christen“ Einzug hielt. Er argumentierte, die Kirche habe jedem Staat gegenüber das Evangelium zu verkünden und so seinen Totalitätsanspruch zu begrenzen. Kirchliche Gemeinschaft werde nicht durch Volk und Rasse, sondern durch den Heiligen Geist und die Taufe bestimmt.

1933 war er maßgeblich an der Ausarbeitung der Barmer Theologischen Erklärung beteiligt und Mitbegründer der oppositionellen Bekennenden Kirche. Wobei er deren teilweise zögerliches Verhalten, klar Stellung gegen das nationalsozialistische Unrechtssystem zu beziehen, aber wiederholt kritisierte.

Es folgten Lehrtätigkeiten in Münster und Bonn. Nachdem er sich der Anordnung in Vorlesungen den Hitlergruß zu zeigen und 1934 dem von allen Staatsbeamten geforderten Amtseid auf Hitler widersetzte, wurde er entlassen, ging zurück in die Schweiz und lehrte an der Uni Basel. Auch aus der Schweiz heraus bezog er immer wieder Position gegen die Nazidiktatur, wurde wiederholt ermahnt und teilweise auch zensiert. Schon 1938 ging er soweit, Gewalt gegen offensichtliches Unrecht zu legitimieren. Gegengewalt zum Schutze Wehrloser vor der Gewalt einer Tyrannei sei für Christen zwar immer ultima ratio, dann aber Teil des politischen Gottesdienstes. Im Übrigen empfand er nicht jede Staatsform, sondern nur den demokratische Rechtsstaat dem Evangelium am nächsten liegend. Ihn zu schaffen und zu verteidigen sei die besondere Verantwortung der Christen.

Ab 1945 setzte er sich für Versöhnung mit den Deutschen ein, forderte allerdings ein Schuldeingeständnis insbesondere auch der deutschen evangelischen Kirche.

Kritisiert wurde wiederholt, dass er sich nicht nachdrücklich gegen den Kommunismus positioniert hätte. Er konterte mit der Aussage, der Westen könne den Kommunismus nur durch „bessere Gerechtigkeit“ abwehren und müsse die soziale Frage gelten lassen. Später protestierte er zwar gegen die Verhaftung evangelischer Pfarrer in der DDR, blieb aber eher beschwichtigend den Klagen über staatliche Repressionen den Religions- und Konfirmandenunterricht betreffend.

In der Nachkriegszeit bis ins hohe Alter setzte er sich u.a. vehement gegen die (atomare) Aufrüstung, die Wiederbewaffnung Deutschlands und den Vietnamkrieg ein.

Kompliziert war Barths Privatleben. 1913 heiratete er seine ehemalige Konfirmandin Nelly Hofmann. Mit ihr hatte er 5 Kinder. 1925 lernte er die gelernte Krankenschwester Charlotte von Kirschbaum kennen, die durch intensive Weiterbildung im Laufe der Zeit seine engste Mitarbeiterin wurde. Zu ihr empfand er aber eine enge, weit mehr als platonische Zuneigung. Sie hatte nicht unerheblichen Einfluss auf sein Werk, trat aber auch mit eigenen Ansichten und Ausführungen hervor. Ab 1929 lebte sie mit in der Familie. Eine ohne Zweifel komplizierte Situation mit der alle 3 zwar offen umgingen, die aber für alle Beteiligten ohne Zweifel konfliktbeladen war. Immerhin hielt diese vieldiskutierte ménage à trois 35 Jahre. Und alle drei wurden im Familiengrab beigesetzt.

Wie sieht es 50 Jahre später aus? Seine Theorien wurden in den letzten Jahrzehnten kontrovers diskutiert.

Aus ihnen und damit letztlich aus dem in Jesus Christus Mensch gewordenen Wort Gottes erhielt Barth aber gerade die Kraft und die Rechtfertigung für sein unermüdliches, teils provokatives und unbequemes Handeln, für sein Eintreten gegen Unrecht und Ausgrenzung, gegen ideologische Vereinnahmung oder die Verharmlosung des christlichen Glaubens. Was insbesondere dann wichtig war, wenn dieses Engagement in der öffentlichen Wahrnehmung als unangenehm erschien oder sich gegen den „Mainstream“ richtete. All dies hat meines Erachtens angesichts der vielen innen- und weltpolitischen Bedrohungen nichts an Aktualität verloren, ist eher sogar wichtiger denn je und verdient daher der Würdigung.

Die Barmer Theologische Erklärung von 1933 gilt weiterhin als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis und wurde in die Verfassung vieler Landeskirchen, auch der Bayerischen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche aufgenommen.

-SH-

Quellen:
1 Wikipedia - Karl Barth
2 Feldmann, Christian: „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“, Bayerisches evangelisches Sonntagsblatt vom 5.12.18
3 Wikipedia – Liberale Theologie